Zur Geschichte der Anatomie in Innsbruck

Am 3. November 1674 erfolgte die feierliche Eröffnungsvorlesung an der Medizinischen Fakultät durch Professor Gaudenz von Sala. 


Sein Nachfolger wurde Ferdinand Karl von Weinhart (1677-89), Sohn des Hofleibarztes von Erzherzog Sigismund Franz. Beide Professoren vertraten das Fach Anatomie im Rahmen der „Medizinischen Institutionen“. 


Die Gründung einer eigenen Anatomischen Lehrkanzel erfolgte am 2. Mai 1689 durch Friedrich Statlender, über den man schreibt: „In der Zergliederung menschlicher Körper ward er ungemein eifrig.“ Ein großes Problem in den  Gründungsjahren  war die Beschaffung von Leichnamen und die Möglichkeit der Präparation. Der jeweilige Anatomieprofessor musste sich um die Leichen Hingerichteter bemühen. Hierdurch entwickelten sich Beziehungen zwischen dem Scharfrichter und der Anatomie, bzw. der  Fakultät. Die finanziellen Einbußen, die dem Scharfrichter entstanden (z.B. durch Verlust des Leichenfetts), wurden abgegolten. Die erste Gelegenheit der Präparation für Statlender war der Leichnam eines zum Tode verurteilten, landesfürstlichen Beamten. 


Im Jahr 1716 übernahm Franz Karl Anton von Egloff das Lehramt für Anatomie. Er war dreimal Rektor und schrieb u.a. eine „Anthropologia Anatomica“.


Johann Baptist Rindler wurde 1730 mit dem Lehramt betraut, verließ es 1737 und unterrichtete neben Botanik auch die Aphorismen. 


Das Bild des Nachfolgers Hieronimus Leopoldus Bacchettoni aus Preci bei Norcia (Umbrien) hängt im heutigen Theatrum. Sein Lehrbuch „Anatomia cum figuris“ ist das erste in Österreich weiter verbreitete. Die Antiqua-Sammlung des Institutes für Anatomie besitzt ein Exemplar. 1738 lädt Bacchettoni zu einer Anatomia publica. 

Franz Caspar Benedikt von Egloff 
folgt ihm 1750 auf das Lehramt für Anatomie und Chirurgie. 1754 erhält er darüberhinaus einen Lehrauftrag für Geburtshilfe. 

Aloys Paul Trabucco
 aus Bormio löst 1780 den Vorgänger aus Innsbruck ab. 1782 wird er mit Jahresgehalt entlassen, die Medzinische Fakultät in ein Lyceum umgewandelt.


Von 1782 bis 1800 sorgten Joseph Rottfruf, Andeas Miller und Joseph Biller für den Anatomieunterricht. Josef Theodor Albaneder wirkte von 1801 – 1843. Seine Schrift über den „Sauerbrunnen von Obladis“ zeugt vom breiten Wissen seiner Zeit.


Karl Edler v. Patruban promovierte in Wien und vertrat von 1843 – 46 die Anatomie in Innsbruck.
Im Jahr 1846 folgt ihm der Steirer Karl Dantscher als ordentlicher Professor; er wird 1869 Dekan der neu errichteten (III.) Fakultät, 1870 und 1877 ist er Rektor. Sein Bildnis hängt in der Bibliothek. Dantscher war ein Studienkollege von Joseph Hyrtl, dem wohl bekanntesten Wiener Anatomen. Die Korrosion, eine anatomische Methode, war das Hobby beider. 


Moritz Holl 1882 – 92 Vorstand des Institutes war als gebürtiger Wiener Demonstrator beim oben genannten Hyrtl und bei Langer, dem ersten, der das Skelett des Riesen Haidl beschrieben hat (1871). Holl verfasste u.a. eine „Anthropologie der Tiroler“ und ist Übersetzer und Herausgeber der Anatomie des Leonardo da Vinci. In seine Zeit als Vorstand fällt der Neubau des heutigen Anatomischen Institutes in der Müllerstrasse 59. 


Wilhelm Roux, einer der ersten „Entwicklungsmechaniker“ führte das Haus von 1889 bis 1895. In diesem Jahr ging er nach Halle/Saale, berühmt durch die Gebrüder Meckel.


Ferdinand Hochstetter wurde 1896 berufen. In seinen Präparationsmethoden ist er ein Vorläufer Gunther von Hagens. Der Atlas Toldt-Hochstetter war einst ein Standardwerk. 
Das im Jahr 1855  vom russischen Chemiker Butlerow  entdeckte Formaldehyd revolutionierte die Präparateherstellung in der Anatomie, genau genommen die ganze naturwissenschaftliche Museologie, da man nun jedes biologische Objekt mit Formalin fixieren, sprich konservieren konnte.


Rudolf Fick, Vorstand 1909-17, befasste sich mit der Mechanik der Gelenke. In seine Innsbrucker Zeit fällt der 1. Weltkrieg. 1917 ging er nach Berlin. 


Von 1918 – 1946, 29 Jahre stand der gebürtige Wiener Felix Sieglbauer dem Institut vor. In seiner Wiener Zeit operierte er mit Eiselsberg, war Demonstrator von Toldt und in Leipzig Assistent von C. Rabl. Ordentlicher Professor wurde er in Innsbruck 1918. Von seiner Hand stammt eine große Anzahl heute noch erhaltener Unterrichtstafeln. Anatomische Großmodelle, die in der Sammlung zu sehen sind, hat er mit seinem Präparator Franz Zima entwickelt. Ein Großteil der Präparate der Sammlung aus jener Zeit stammen von Franz Zima. Das Können und der starke Wille beider verschonten das Institut vor dem Zugriff des Nationalsozialismus. Die „Normale Anatomie des Menschen“ Sieglbauers erschien in 9 Auflagen (1. A 1927, 9. A 1963) seine „Anatomischen Zeichenmappen“ hatten Kultstatus. Am 15. Dezember 1943 wurde das Institutsgebäude durch einen Bombentreffer schwer beschädigt. Ein Großteil des Hauses und der Sammlung, vor allem die von Sieglbauer geschaffene anthropologische Schädel- und Abgußsammlung, wurden zerstört.

 

Das Haus konnte unter der Ägide seines Schülers Mag. pharm. Dr. phil. Dr. med Gustav Sauser aus Wels,  der auch Allgemeinmediziner mit eigener Praxis war, wieder auf- und umgebaut werden. Das „Anatomische Theater“ besaß nun ca. 250 Sitz- und 100 Stehplätze. Prof. Sauser hatte beide Lehrstühle, Anatomie und Histologie u. Embryologie inne. Durch seinen geistigen Zugang zum Klerus konnte er eine große Zahl von Präparaten für die Sammlung lukrieren. Sauser interessierte sich vor allem auch für die Anthropologie („Die Ötztaler“) und Künstleranatomie („Die Anatomie des Gustinus Ambrosi“, „Der Totentanz bei Egger-Lienz“, „Bemalte Ossuarienschädel“). Unerwartet verstarb Sauser im Jahr 1968.


Nach einer Zeit der Supplierung durch den Pathologen Probst, wurde Werner Platzer, ein gebürtiger Steirer, aus Wien auf den Innsbrucker Lehrstuhl berufen. Zusammen mit Leonhardt und Kahle schuf er den wahrscheinlich am häufigsten gelesenen „Taschenatlas der Anatomie“. In seine Zeit als Vorstand fällt die Generalsanierung des Leichenkellers, der Aus- und Umbau des Museums, sowie der Ersatz des „Anatomischen Theaters“ durch einen größeren, allerdings fensterlosen Hörsaal für ca. 350 Hörer. Als Leiter der Budgetkommission der Medizinischen Fakultät aquirierte er erhebliche Finanzmittel für die gesamte Medizinische Fakultät. Ein Ereignis in der Amtszeit Platzers hat alle anderen in jeder Hinsicht übertroffen: Die Auffindung des „Eismannes“. Der Leichnam des „Mannes vom Hauslabjoch“ war 6 Jahre in einem Hochsicherheitsraum des Anatomischen Institutes der Universität Innsbruck für Forschungszwecke untergebracht. Ausgestellt und einer breiten Öffentlichkeit gezeigt wurde er jedoch erst nach seiner Überstellung nach Bozen. 


Nach der Emeritierung Platzers wurde der anatomische Lehrstuhl mit Helga Fritsch besetzt. Sie war seit 1998 Vorstand bzw. geschäftsführende Direktorin der Anatomie Innsbruck. In der Zeit von 2003 bis 2005 war Fritsch Vizerektorin für Lehre und Studienangelegenheiten im Gründungsrektorat der Medizinischen Universität Innsbruck. In ihre Amtszeit fällt die Gründung einer Studienabteilung für die Medizin und die Implementierung von zahlreichen Semestern im neuen Studienplan, sowie die Errichtung einer Professur für Neuroanatomie, auf die Lars Klimaschewski berufen wird. 2012 übernahm Helga Fritsch die Funktion einer Vizerektorin für Personal, Personalentwicklung und Gleichbehandlung. Seit 1. Oktober 2013 ist sie Rektorin der Medizinischen Universität Innsbruck. Für die Zeit Ihres Rektorates übernimmt Erich Brenner die Funktion als Direktor der Division.


Das Gebäude der Anatomie wird laufend unter Erhaltung der denkmalgeschützten Substanz modernisiert und den aktuellen Anforderungen für Lehre und Forschung angepasst, um das traditionsreiche Institut auch in der globalisierten universitären Landschaft erfolgreich weiterführen zu können.


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